So schön kann Abschied sein!

Zum letzten Mal war das Lutherhaus voller Gäste

Ohne Tränen blieb der Abschied nicht. „Tschüss, mein liebes Lutherhaus“ schloss Dorf­chronist Philipp Bickle seinen Bildervortrag über das Gemeindegebäude. Dabei hörte man seiner Stimme die Rührung an. Überhaupt war es ein herzlicher Abschied von dem altwehrwürdigen Haus, den die Evangelische Kirchengemeinde am vorletzten Sonntag feierte. Begonnen hatte die Feier mit einem Festgottesdienst am Vormittag. Fast bis auf den letzten Platz waren alle Stühle besetzt. Der Posaunenchor eröffnete den Gottesdienst mit Bläserklängen und begleitete im weiteren Verlauf die Lieder. Dazu sang der Kirchenchor zwei ergreifende Chorstücke. Pfarrer Jörg Hirsch wies in seiner Predigt darauf hin, dass „Verabschieden“ zwei Bedeutungen hat: man löst sich von etwas und man setzt etwas in Geltung. Gesetze werden verabschiedet. In diesem Doppelsinn ist der Abschied vom Lutherhaus verbunden mit der Verabschiedung der Neubaupläne. Die Pläne gelten und bald wird es unter der Leitung des Architekturbüros Vögele mit der Umsetzung der Planungen losgehen.

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Flotte Melodien brachten die Musikfreunde beim anschließenden Frühschoppen zum Klingen. Dabei erwiesen sich die Musikerinnen und Musiker auch als sangestüchtig. Zum Abschluss schmetterten sie das Badenerlied. Den Frühschoppen bereicherte Alt-Bürgermeister Helmut Müller durch einen Vortrag, der gleichermaßen informativ die Baugeschichte des Lutherhauses beleuchtete als auch persönliche Erinnerungen lebendig werden ließ. Wie viele andere Reilinger besuchte Helmut Müller damals die Kinderschule im Lutherhaus und erlebte dort Kinderschwestern, die nicht zimperlich waren mit der Anwendung von körperlichen Strafen.

Spätestens zur Mittagszeit durchzogen Duftwolken nach Gegrilltem den Saal. Der Bau- und Förderverein tischte Steaks und Würste mit allerlei Salaten auf. Am Ende der Veranstaltung war nicht allein der Grill, sondern auch das reiche Kuchenbüffet leergegessen, so viele Menschen kamen, um Abschied zu nehmen. Sie wurden alle reich belohnt mit einem kurzweiligen und hochkarätigen Nachmittagsprogramm. Der Gospelchor erfreute mit mitreißenden und nachdenklichen Weisen die Festgäste. Beim Kindergarten hieß es mitmachen. Die Kinder äußerten zuerst, was sie mit einem Haus verbinden, zum Beispiel Wärme und Geborgenheit. Danach durften alle Besucher ihren Namen auf einen Stein schreiben. Aus den Steinen wuchsen Mauern eines Hauses empor. Damit war natürlich der Neubau angedeutet.

Ein ganzes Orchester von Flötistinnen spielte auf, als Anke Palmer die drei Flötenkreise des CVJM auf der Bühne versammelte. Abschiedslieder, auch zum Mitsingen, wurden meisterhaft musiziert. Eine schauspielerische Höchstleistung lieferte der CVJM anschließend mit seinem Sketsch von der eigenwilligen Bürovertretung ab. Die Zuschauer ergötzten sich daran, wie eine Aushilfe den Betrieb aufmischen kann. Der Applaus nahm kein Ende. In der Tat hatte das Publikum eine filmreife Aufführung miterlebt.

Zum Schluss wurde es ernst. Mit Philipp Bickle bebildertem Rückblick kamen wehmütige Erinnerungen hoch. Worte des Dankes und der Ermutigung fand Bürgermeister Stefan Weisbrod zum Abschluss. Er berief sich auf Martin Luther, der nicht nur ein Mann des Wortes, sondern auch der Tat gewesen ist. Zuletzt schloss Beate Zimmermann fachmännisch die „Schatzkiste der Erinnerungen“. In das Holzkistchen waren im Lauf des Tages Zettel mit schönen Erinnerungen an das Lutherhaus eingelegt worden. Zu Klängen des Posaunenchors und nach einen Segenswort schloss sich die Eingangstür des Lutherhauses für immer. Eine Schar von Abschiednehmenden, angeführt von der neuen Pfarrerin, Eva Leonhardt, mit der Schatzkiste in der Hand, setzte sich in Bewegung. Auf dem frisch angelegten Martin-Luther-Weg gelangte man zur Kirche. Dort wurde die Erinnerungskiste im Boden begraben und darauf ein Rosenstock gepflanzt. Schließlich soll aus dem Alten etwas Neues erwachsen.